Hier sitze ich - Mit verquollenen Augen, einem fahlen Geschmack im Mund und dumpfen Erinnerungen an die letzte Nacht. Ich hatte mir geschworen, diesmal nichts zu trinken und ich habe es wieder getan.
Es kommt mir vor wie ein riesiger Berg, den ich seit Jahren besteigen möchte und doch nie oben ankomme. Dahin, wo alles einen Sinn ergibt. Wo ich den Überblick habe. Wo ich zurückblicke auf das, was war. Der schwierige Weg, mit seinen gefährlichen Abschnitten, den vielen Fallen, die auf mich lauerten, um mich am Ankommen zu hindern. Und doch stehe ich oben. Mit erhobener Brust, stolz auf mich, weil ich es endlich geschafft habe. Wann wird dieser Tag kommen? Wann darf ich endlich dieses Gefühl spüren und oben auf dem Gipfel stehen? Sicher und überzeugt, dass ich für alle Schwierigkeiten gewappnet bin.
Ich hatte so viele Tage 1. Immer wieder war ich der festen Überzeugung: Diesmal wirklich! Jetzt schaffst du es. Irgendwann hatte ich Angst vor diesem Satz. Denn ich würde es ja sowieso wieder nicht schaffen. Ein paar Tage und dann trinke ich eh wieder meinen Wein. Nippe am ersten Glas und der Teufel hat mich sofort zurück. Es war immer so... Die längste Abstinenz habe ich natürlich während meiner Schwangerschaften gehabt. Nach der Geburt meines ersten Kindes dauerte es auch eine Weile, bis ich wieder getrunken habe. Aber als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, hatte ich so schlimme Cravings. Ich habe ständig an Alkohol gedacht, wollte im Sommer ein Glas Rosé trinken. Natürlich habe ich es nicht getan, aber sobald der Kleine auf der Welt war, wollte ich wieder trinken. Ich habe auch ziemlich schnell wieder getrunken wie vorher. Der Schwellenwert war sofort erreicht. Und es hatte sich nichts geändert. Ein Schluck und ich wollte immer mehr. Ich fand nie ein Ende. Es sei denn, ich spürte, dass es mir immer schlechter ging und ich richtig betrunken wurde. Dann lag ich meistens im Bett und alles drehte sich. Ich konnte kaum die Augen schließen, ohne mich übergeben zu müssen. Der Abend endete oft mit dem Kopf über der Kloschüssel. Viel nachhelfen musste ich nicht. Ziemlich schnell erbroch ich all den Wein und Champagner ins Klo und hifte mich wieder zurück ins Bett. Am nächsten tag schwor ich mir immer wieder.... Nie wieder Alkohol! Diesmal wirklich.
Natürlich hielt auch dieser Vorsatz nicht lange. Manchmal schaffte ich es vier Wochen, manchmal drei oder vier Monate. Aber irgendwann kam ich immer wieder an den gleichen Punkt. Die Stimme in meinem Kopf wurde immer lauter. Sie flüsterte etwas von diesem einen Glas. Es kann so lustig sein. Du willst doch mal wieder loslassen, Ruhe in deinem Kopf und dich endlich entspannen. Lustig sein und Selbstbewusst. Und schon waren die Gedanken wieder da. Gedanken an unzählige laue Sommerabende. In denen wir draußen saßen, zwei Flaschen Wein tranken und ich genüsslich an meiner Heet-Zigarette zog. Das Leben pulsierte wieder und ich fühlte mich gut. Aber mein Gedächtnis verdrängte nur allzu gern die Stunden danach, ganz zu schweigen von all dem Scharm und den verlorenen Tagen. All die verlorene Zeit mit meinen Kindern, weil ich lieber auf dem Sofa lag und versuchte, wieder ins Leben zurückzufinden. Keine Energie für irgendetwas. Nur der Wunsch, dass der Tag schnell vergeht. Dieser kostbare Tag, den mir mein Leben geschenkt hat. Und ich hoffte nur, ihn so schnell wie möglich zu überleben. Wie viele solcher Tage hatte ich schon in meinem Leben?!!! Unzählige... Zu viele, um sie alle zu zählen. Und jedes Mal war ich in den Wochen davor diszipliniert. Habe mich gut gefühlt, viel Sport getrieben und mich gesund ernährt. Ein oder zwei Abende mit Alkohol machten das alles wieder zunichte. Ich wollte fettes Essen und ungesunde Kohlenhydrate, Sport war plötzlich ein Fremdwort für mich und auch sonst ließ mich jede Disziplin im Stich.
Und es wiederholte sich. Jedes Mal. Wie im Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Zumindest fühlt es sich so an.
Aber auch das sollte irgendwann ein Ende haben.
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